Robert Seyfert

Lebensphilosophie und Soziologie

zusammen mit Dr. Daniel Šuber,
Sommersemester 2007, FB Soziologie, Universität Konstanz



Eine jede Soziologie operiert mit grundlegenden Theorieentscheidungen, von denen abhängt, welchen Problemen sich eine soziologische Theorie widmet. Ob sie z.B. von menschlichem Handeln, institutionellen Logiken oder systemischen Kommunikationszusammenhängen ausgeht, entscheidet darüber, ob sie sich eher für das Verstehen der Motivlagen menschlicher Akteure, für Verfahrensabläufe oder doch eher für Informationsübertragungen interessiert. In den letzten Jahren lässt sich nun ein neuer soziologischer Theoriezusammenhang beobachten, der in seinen basalen Annahmen mit dem Begriff des „Lebens“ operiert. Im Mittelpunkt des Interesses steht also nicht so sehr der einzelne Mensch, Institutionen, soziale Teilsysteme, als vielmehr das „Leben als Ganzes“, wozu das persönliche Erleben genauso zählt, wie die gesellschaftlichen Affekte und Fabulationen. Dieser Theoriezusammenhang hat als historische Gewährsmänner Friedrich Nietzsche, Henri Bergson und Wilhelm Dilthey. Das Seminar soll die konzeptionelle Bedeutung des aus der Lebensphilosophie stammenden Begriff des „Lebens“ für die Soziologie untersuchen. Es soll also einerseits darum gehen, die aus der Lebensphilosophie und dem Vitalismus stammenden Theoriekonzepte in ihrer Transformation in die Soziologie zu verfolgen, und darüber hinaus die gegenwärtige sozialtheoretische Bedeutung des Begriffs „Leben“ auszuarbeiten. Dazu werden einerseits grundlegende Texte der Lebensphilosophie (Bergson, Nietzsche, Dilthey, Simmel, Plessner, Heidegger) gelesen, andererseits solche soziologischen Schriften, die innerhalb der lebensphilosophischen Tradition eine sozialtheoretische Perspektive entwickelt haben (Bataille, Maffesoli, Foucault, Deleuze/Guattari).

Primärliteratur

Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie, Jenseits von Gut und Böse
Henri Bergson: Schöpferische Entwicklung, Die beiden Quellen der Moral
Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften
Georg Simmel: Lebensanschauung
Émile Durkheim: Die elementaren Formen des religiösen Lebens
Georges Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie
Michel Maffesoli: Der Schatten des Dionysos. Zu einer Soziologie des Orgiasmus
Michel Foucault: Die Geburt der Klinik
Gilles Deleuze/Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Was ist Philosophie?

Sekundärliteratur

Klaus Lichtblau, Kulturkrise und Soziologie um die Jahrhundertwende. Zur Genealogie der Kultursoziologie in Deutschland, Frankfurt a.M. 1996.
Max Scheler, „Versuche einer Philosophie des Lebens“, in: Ders., Vom Umsturz der Werte. Abhandlungen und Aufsätze (1915), Gesammelte Werke Band 3, Bern 1955.
Otto Friedrich Bollnow, Lebensphilosophie, Berlin: Springer 1958.
Karl Albert, Lebensphilosophie: von den Anfängen bei Nietzsche bis zu ihrer Kritik bei Lukács, München: Alber 1995

Robert Seyfert | © copyright 2012